Ausstellung “Kinder, Kinder” – Kindheit zwischen Inszenierung und Wirklichkeit

“Kinder, Kinder!” – Was eine schöne Ausstellung  

Zum Jahresauftakt konnte ich gemeinsam mit Kindermitte-Mitgliedern die Ausstellung “Kinder, Kinder! –Zwischen Repräsentation und Wirklichkeit” im Bucerius Kunst Forum besuchen. Die Ausstellung nimmt, wie der Titel schon vermuten lässt, die künstlerische Darstellung von Kindern und Kindheit in der Geschichte in den Fokus. Sie zeigt uns warum wir auch in Zukunft den Blick in und auf Kunst werfen sollten, um die Rolle von Kindheit in unserer Gesellschaft und Geschichte zu verstehen,   

Das Erkennen von Kindheit und die Freiheit des Seins  

Wenig überraschend ist die Darstellung von Kindern als zukünftige Herrscher und Ehefrauen von Herrschern. Besonders in der frühen Kunst wurden Kinder, insbesondere Jungen, an der Seite ihrer Väter dargestellt. Symbolisch beladen mit Rüstungen, in die sie einmal hineinwachsen sollten und auf Schlachtfeldern, auf denen sie eines Tages kämpfen würden.  

Hier lässt sich erkennen: Kindheit war schon früh von der Erwartungshaltung geprägt, was eines Tages sein würde. In den Adelsschichten wurde Kindheit nicht nur als ein Heranwachsen gesehen, sondern als ein Heranwachsen in eine vorgeschriebene Rolle. 

Trotzdem finden sich andere Gemälde, die eher dem entsprechen, was wir heute unter Kindheit verstehen und wie Kindheit heute dargestellt wird. So porträtiert die Malerin Judith Leyster um 1630 ein Kind mit kindlichen Gesichtszügen, das leicht lächelnd aus dem Bild hinausschaut. Der Verweis auf die kindlichen Gesichtszüge kann zunächst irritieren. Aber: Kinder wurden häufig älter dargestellt, als sie in der Realität waren. Ein Kind altersentsprechend darzustellen, war somit nichts, was als selbstverständlich anzusehen war. Kindheit war nicht nur das begleitete Aufwachsen, sondern Kindheit stand im Schatten einer späteren Rolle als “Frau von” oder Herrscher. Trotzdem wurden Kinder als Kinder und nicht immer als kleine Erwachsene dargestellt. Einige Bilder zeigen, wenn auch im Kleinen, dass Spiel und Spielzeug eine besondere Bedeutung für Kinder einnahm. Bei aller Inszenierung und dem Aufzeigen der zukünftigen Rolle lassen sich so Hinweise finden, dass Kinder auch Kinder waren und Spielen dazugehörte.  

Wenn ich darüber nachdenke, ob sich heute dazu Parallelen finden, muss ich sofort an die Inszenierung von Kindern in den sozialen Medien denken. Kinder bekommen durch den Zugang zum Smartphone die Möglichkeit, wie Erwachsene mit der Welt in Kontakt zu treten. Gleichzeitig präsentieren sogenannte “Family Influencer:innen” ihre Kinder der ganzen Welt. Kindheit wird somit, ähnlich wie in alten Gemälden, bewusst inszeniert. Der Zweck geht dabei über das bloße Festhalten einer Lebensphase hinaus, wie es etwa bei Fotografien der Fall ist, die meist nur im familiären Rahmen gezeigt werden. Die Veröffentlichung von Kindheit hat heute nicht mehr unbedingt den Zweck, Kinder als zukünftige Herrscher:innen zu präsentieren. Trotzdem zeigt sich, dass die Darstellung von Kindern auch heute über die Momentaufnahme hinausgeht. Hinzu kommt, dass es heute jeder Person möglich ist, die eigenen Kinder mit der Welt zu teilen und dies nicht nur dem Adel oder wohlhabenden Familien vorbehalten ist.   

Kinder als wichtiger Teil der Welt  

Was bei allen Darstellungen gleichermaßen deutlich wird: Kinder waren und sind noch immer ein wichtiger Teil der Welt und wurden schon vor Jahrhunderten künstlerisch festgehalten. So wurden auch Gemälde von verstorbenen Kindern als wichtiger und fehlender Teil der Familie angefertigt. 

Es zeigt sich durch die alte Malerei, aber auch durch zeitgenössische Kunst, dass die Abbildung von Kindern über die bloße Dokumentation des Heranwachsens hinausgeht. Kindheit hat als Lebensabschnitt eine eigene Dynamik und eine eigene Daseinsberechtigung. Dies wird unter anderem durch den Einbezug von Spielzeug auf Gemälden sichtbar. Aber auch die Relevanz von Lernen und Bildung werden in Form von Schuldarstellungen deutlich, auf denen Kinder in einem Klassenzimmer oder Lernraum dargestellt werden.   

Und auch das Verständnis von Kindheit und Aufwachsen als Ausfüllen eines “unbeschriebenen Blattes” zeigt: Kinder grenzen sich von Erwachsenen ab. Sie brauchen Werkzeuge, Bildung und Begleitung beim Heranwachsen. Sie sind damit nicht “nur” kleine Erwachsene, sondern brauchen einen eigenen Raum, der ihnen das Aufwachsen ermöglicht. Dieser Raum muss ihnen von Erwachsenen jedoch auch gegeben werden. Ein Spannungsfeld, zwischen der Vorbereitung auf die Zukunft der Kinder und deren Recht, im Hier und Jetzt ein Kind zu sein. Eines, das uns auch in der heutigen Pädagogik und im Blick auf Kindheit nur allzu vertraut ist.  

Ich bin mit vielen Eindrücken aus der Ausstellung gegangen, die mir auch durch die spannende Führung noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Besonders das direkte Nebeneinanderstellen von zeitgenössischer und alter Kunst bietet interessante Denkanstöße. 

Du kannst die Ausstellung noch bis zum 06. April 2026 besuchen. Auch für Kinder gibt es spezielle Angebote, um die Ausstellung zu entdecken. Außerdem kann ich dir die spannende Arte-Dokumentation “Die Entdeckung der Kindheit in der Kunst” empfehlen, die unter anderem den Schaffensprozess der Ausstellung thematisiert, aber auch inhaltlich anknüpfend die Darstellung von Kindheit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. 

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