Die Rosa-Hellblau-Falle: In Einrichtungen der frühen Bildung darf es anders sein

Der Titel der Veranstaltung lässt wenig Zweifel daran, um was es geht.
Gendersensible Pädagogik, Zuweisungen, Rollenklischees und Fallen, in die wir immer wieder tappen.
Almut Schnerring und Sascha Verlan, die beiden Autor:innen des gleichnamigen Buches führen durch den Tag und zeigen auf, wo Geschlechterklischees immer noch existieren, weitergegeben werden und Wahlfreiheiten einschränken. Denn bei der Frage nach gendersensibler Pädagogik geht es nicht um ideologische Kategorien von falsch und richtig, sondern um echte Auswirkungen und Möglichkeiten zur Verbesserung kindlicher Selbstbestimmung.

Gruppen führen zwangsläufig zu Hierarchien
Starten wir mit dem Gedanken, was Zuschreibungen und damit Trennung in unterschiedliche Gruppen (z.B. weiblich und männlich) auslöst, kommen wir an klassischen Experimenten und deren Ergebnissen nicht vorbei:
Gruppenzugehörigkeiten bedingen ein Wir- und ein Überlegenheits-Gefühl, Zuschreibungen und den Anspruch, andere Gruppen zunehmend als anders zu definieren.
Es ist dabei nicht notwendig, die eigene Gruppe frei gewählt zu haben, die Einteilung durch äußere Faktoren reicht.
Kinder werden früh in Junge und Mädchen eingeteilt, ungefragt, unbesehen und ohne echte Wahlfreiheit. Und wir alle tragen in sämtlichen Lebensbereichen dazu bei, diese Rollen mit Klischees zu festigen.


„Eine Gruppe von Ärzten geht über die Straße. Zwei Frauen drehen sich um und gehen zurück“ - Gendersensible Sprache und das generische Maskulinum
Gendern ist und bleibt streitbar.
„Ich meine immer alle mit und schließe mit dem generischen Maskulinum niemanden aus“.
Auch wenn dies in der individuellen Überzeugung genau so ist, zeigen Untersuchungen immer wieder, dass dies in Wahrheit nicht funktioniert.
Wird ausschließlich die männliche Form benutzt, registriert das Hirn auch nur das Männliche.
Selbst wenn wir behaupten, dass alle mitgemeint sind, zeigen schon Untersuchungen bei Kindern etwas anderes: Wird in Erzählungen das generische Maskulinum benutzt, tauchen Frauen und weiblich gelesene Menschen nur verschwindend gering in den Vorstellungen/ dem Verständnis der Kinder auf.
Auch wenn es sich manchmal etwas holperig anhört, ist gendern wichtig, um allen Geschlechtern die gleiche Sichtbarkeit zu geben.

Gendermarketing und wo ist die echte Wahlfreiheit?
Seit den späten 1990ger Jahren ist Gendermarketing ein fester Bestandteil von Werbung und Verkaufsstrategien.
Die Zuschreibung von Farben, Eigenschaften und Verhaltensweisen werden sowohl subtil als auch offen bereits bei Artikeln für Babys verwendet.
Alles Weibliche ist rosa, weiß, unschuldig, fügsam, niedlich, kümmert sich, möchte gefallen, ordnet sich unter und wird maximal Prinzessin.
Alles Männliche ist blau, braun, packt an, beschützt, verändert, führt, isst Fleisch und wird entweder ein richtiger Mann oder König.

Zuweisung, Ungleichbehandlung und Genderhierarchie
Bereits vorgeburtlich greifen Geschlechterrollen. Bäuche, in denen ein vermeintlich weiblicher Fötus heranwächst, werden häufiger gestreichelt und die Stimme der Eltern ist einige Oktaven höher.
Die Farben, welche dem neugeborenen Kind angeboten werden, sind in den meisten Fällen genderspezifisch und die Erwartungen an entsprechendes Verhalten setzen direkt ein.
Schon früh scheint klar, was Weiblich und was Männlich ist, Schul- und Berufsbiografien sind stark vom Geschlecht geprägt und eine eindeutige Andersbehandlung ist lange wissenschaftlich erwiesen. Auch wenn inzwischen der biologische Unterschied nicht mehr zwangsläufig als Erklärungsmuster herangezogen wird, bleibt die Idee des männlichen finanziellen Versorgers und Machers. Jungen und Männer dürfen und sollen sich körperlich ausagieren, sie wollen Verantwortung und das große Ganze.
Die Idee bleibt, dass Mädchen und Frauen ruhiger sind, interessierter an den kleinen Dingen, sich um andere kümmern und Wert auf ihre Schönheit legen.
Die Geschlechterverteilung in unterschiedlichen Berufsgruppen zeigt bis heute wenig Veränderung und auch der Gender Pay Gap ist Ausdruck bestehender Geschlechterhierarchien.

In den Einrichtungen der frühen Bildung darf es anders sein
Eine Kindheit ohne Zuschreibung und genderspezifischer Erwartungen scheint fast unmöglich. Und doch wäre ein bewusster Verzicht auf rosa und hellblaues Spielzeug, auf klar zugeordnete Spielecken in Bauteppich und Kinderküche, eine bewusste Ansprache in Konfliktsituationen, in gestalteten Angeboten, in der Farbwahl der gebastelten Geschenke und auch in der Erwartung an gezeigtes Verhalten ein großer Schritt Richtung echte Wahlfreiheit.
Wenn Kinder nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten haben, werden sie sich immer auch nach äußeren Zwängen zuordnen, eine echte Wahl besteht ab mindestens drei Möglichkeiten.
Ein Geschlecht ist und bleibt mehr als das Vorhandensein äußerer Geschlechtsmerkmale. Und das alleinige Vorhandensein äußerer Geschlechtsmerkmale darf keine Voraussetzung für die eine fremdbestimmte Biografie sein.

Wir wünschen uns für alle Einrichtungen der frühen Bildung eine Reflexionsbereitschaft und mehr Gleichwürdigkeit aller Geschlechter.
Die Zukunft sollte mehr bereithalten als weibliche und männliche Klischees.


Eine professionelle Sicht darauf und entsprechendes Handeln könnte sein, Kindern genau das zu bieten, was sie sonst nicht bekommen: Jungen dürfen sich um Puppen und Küche kümmern, Mädchen dürfen toben und bauen.


Die Rucksäcke der Kinder haben Platz für die Wahlmöglichkeiten!

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