„Kinder lernen im Spiel" – das wissen wir alle. Wir sehen täglich, wie Begeisterung entsteht, wie Lernen selbstverständlich und leicht funktioniert. Aber während wir im Bildungsbereich viel über freies Spiel und Angebote diskutieren, vergessen wir oft etwas Entscheidendes: unsere eigene Rolle als Spielende.
Aus der Neurowissenschaft wissen wir längst: Auch wir Erwachsene lernen spielerisch am besten. Lernen ist immer auch ein sozialer Aspekt. Wir begleiten, wir sind Teil der Lerngruppe – aber spielen wir wirklich? Richtig spielen findet nicht immer statt. Aber brauchen wir nicht genau das, wenn es um Co-Kreation geht?
Ein Raum nur zum Spielen – für Erwachsene
Als ich die Fachhochschule für die Ausbildung pädagogischer Fachkräfte in Kopenhagen (Professionshøjskole) besucht habe, ist mir etwas aufgefallen: Es gab ganz viele Labs – Räume, die so ausgestaltet waren wie die Praxis. Darin sollten sich die angehenden oder sich weiterbildenden Fachkräfte ausprobieren und ausleben. Diese Räume hatten ganz verschiedene Themenschwerpunkte.
Aber einer der größten und wichtigsten Räume war besonders: das Playlab. Räumlichkeiten über zwei Etagen, die zum Spielen, Basteln und Ausprobieren einladen. Und zwar zum Spielen von Erwachsenen. Erwachsene, die sich wieder in die Situation begeben, zu spielen, auszuprobieren und spielerisch an Dinge heranzugehen.
Dort können die angehenden Fachkräfte lernen, dass Spielen nicht nur ein Teil des kindlichen Lernens ist, sondern auch zur Profession einer pädagogischen Fachkraft dazugehört. Durch das Spiel können sie Sachen entdecken, kreativ werden, lernen und erforschen. So entwickelt sich ein Verständnis dafür, wie wir selbst lernen und wie Lernen eigentlich funktioniert.
Materialien, die begeistern
Im Playlab gab es ganz viele Materialien. Es sah aus wie für Kinder, war aber auch für Erwachsene gemacht. Alles einladend zum Ausprobieren. Eine Riesenrutsche zum Beispiel, die eigentlich fast alle Erwachsenen begeistert hat. Unzählige Bastelmaterialien, Spiele, Klettergerüste und Medien für die angehenden Fachkräfte. Genau das ist der Punkt: Wenn wir uns darauf einlassen, entdecken wir wieder, was Spiel bedeutet.
Was wir von Kindern lernen können
Wenn wir auf modernes Lernen und Aufwachsen von Kindern schauen und Kinder erfolgreich in die Zukunft begleiten wollen, dann muss uns doch auffallen: Spiel ist ein zentraler Aspekt. Kinder in jungen Jahren lernen so viel – mit einer enormen Frustrationstoleranz und einem großen Ehrgeiz, etwas zu schaffen. Diese Fähigkeit kommt uns als Erwachsenen in vielen Fällen abhanden. Das heißt: Wir müssen uns doch zur Aufgabe machen, diese Fähigkeiten beizubehalten. Die Neugier und Offenheit. Die Frustrationstoleranz. Das Erkunden und Erforschen des Spielerischen, um Neues zu gestalten und zu entdecken.
Ich glaube, im Alltag vergessen wir zu häufig, wirklich mit den Kindern zu spielen. Wann hast du das letzte mal so richtig mit Kindern gespielt? Nicht nur beobachtet, nicht nur begleitet – sondern bist wirklich mal ins Spiel hineingegangen?
Ausbildung und Praxis zusammendenken
Daher ist es doch wichtig zu sehen, wie so etwas in der Ausbildung direkt schon fokussiert wird. Ich konnte in Kopenhagen viele Anregungen bekommen, die viel besser auf die Praxis vorbereiten und sogenannten Praxisschocks vorbeugen können.
Theorie und Praxis werden immer etwas Unterschiedliches sein. Aber zu lernen, dass Spiel ein zentraler Aspekt ist – nicht nur für die Kinder, sondern im pädagogischen Handeln mit den Kindern für die Fachkräfte – das war sehr wertvoll zu sehen.
Unser Zugang zu Kindern
Somit ist es doch auch unsere Aufgabe, mal wieder hinzuschauen und mitzuspielen. Ich glaube, wenn wir spielerische Elemente viel mehr ins Lernen und in die Bildung einbauen, dann haben wir auch einen ganz anderen Zugang zu den Kindern.
Wir wissen, dass gerade auch im Schulbereich Methoden und ein Verständnis von Lernen und Wissen überholt sind. Wir können und müssen uns da neu aufstellen. Spielerische Elemente und das Erlernen von Lernstrategien haben das Potenzial, die Begeisterung der Kinder langfristig aufrechtzuerhalten. Die letzten Jahrzehnte haben uns neurowissenschaftlich gezeigt, wie Lernen funktioniert – das gilt für Kinder, aber auch für Erwachsene.
Eine Einladung
Spiel ist nicht nur Methode oder nur etwas, das wir Kindern ermöglichen. Spiel ist eine Kompetenz, ein Zugang zur Welt – für Kinder und für uns.
Wir brauchen auch als Erwachsene mehr Raum zum Spielen. Nicht nur zum Spaß, sondern als festen Bestandteil unserer Arbeit. Gib dir selbst wieder die Erlaubnis, zu experimentieren, zu scheitern, Dinge neu zu versuchen – genau so, wie es Kinder jeden Tag tun.
Was denkst du?
Die Frage, die mich beschäftigt, ist: Was bräuchte es, damit du wieder mehr ins Spiel kommst? Und welchen Unterschied könnte das für deine Arbeit machen?

Über den Autor
Benedikt Hensel
Als Diplom-Pädagoge und Geschäftsführer bei Kindermitte bewegt er sich zwischen Fachpraxis und Politik. Seine Schwerpunkte: eine Gesellschaft und Bildungslandschaft, die Kinder wirklich in den Mittelpunkt stellen. Dafür übernimmt er mit Kindermitte Verantwortung – weil echte Wirkung Haltung braucht.

