Eine Partei nimmt Bildung ernst. Ausgerechnet die AfD. 

Über einen unscheinbaren Satz im Wahlprogramm für Sachsen-Anhalt – und darüber, warum das Thema nicht Homeschooling ist. 

Es steht ein kurzer Satz im Wahlprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt: „Bildungspflicht statt Schulzwang." Klingt nach Freiheit. Klingt fast sympathisch. Und genau das ist das Problem. 

Anfang September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD, die dort als gesichert rechtsextrem gilt, will das Homeschooling einführen. Die Wahlfreiheit zwischen Schule und Hausunterricht mit Prüfungen in den Schulen. Falls die Leistungen nicht stimmen, muss wieder die Schule besucht werden. Bislang ist regulärer Unterricht zu Hause in keinem Bundesland erlaubt.

Jetzt könnte man bildungspolitisch diskutieren. Ist Homeschooling besser, individueller, kindgerechter, brauchen wir andere Lernformen? Machen wir aber nicht. Weil das nicht die Frage ist. 

Es geht nicht um Homeschooling 

Homeschooling ist laut Forschung nicht per se schlechter. In vielen anderen Ländern funktioniert es. Es gibt Kinder, für die die klassische Schule nicht der richtige Ort ist. Über all das kann man reden. Nur redet die AfD nicht darüber. 

Die Forderung der AfD ist Teil eines ganzen Programms, das Bildungspolitik zur Identitätspolitik macht und das Weltbild der AfD stärken soll. Weniger Demokratiebildung, anderen Geschichtsunterricht, mehr Macht für das Bildungsministerium durch gesteuerte Lehrmaterialien und mehr Patriotismus. Dazu noch Sonderklassen für Kinder von Asylbewerber:innen und die stärkere Kontrolle von Lehrkräften, die sich für Demokratie einsetzen.  

In diesem Programm ist Homeschooling kein kindgerechtes Angebot. Es ist ein Baustein mit dem Ziel Kinder aus dem gemeinsamen, staatlich geordneten Raum herauszulösen, in dem sie zu freien Menschen werden. Weg von der Schule, hinein in Milieus, die den Staat, Vielfalt und viele Errungenschaften ablehnen. 

Es geht um das Lernen außerhalb einer Ordnung, die die Vielfalt und das Individuum schützt. 

Die AfD hat etwas verstanden, das die anderen vergessen haben 

Es ist bemerkenswert und gefährlich, wie ernst diese Partei Bildung nimmt. 

Die AfD behandelt Bildungspolitik als Gestaltungsfeld. Vielleicht das Wichtigste, insbesondere auf der Ebene der Bundesländer. Wer bestimmt, wie Kinder aufwachsen, was sie lernen, mit wem sie lernen, welchen Blick auf Kindheit die Ministerien haben, der bestimmt, wie diese Gesellschaft aussieht.  

In den Debatten über Reformen, Sondervermögen und Haushaltsplanungen kommen Kinder fast nicht vor. Wir reden über Wirtschaft, Schuldenbremse, Reformdruck Investitionen. Das ist alles wichtig, aber wie wir Kinder aufwachsen lassen wollen und wie wir die Welt der Zukunft gestalten, wird nicht debattiert. Bildung gilt nicht als Investition in die Zukunft, sondern sie gilt als Kostenstelle. 

In eine Debatte, in der Bildung niemandem wichtig genug ist, stößt eine Partei, der sie sehr wichtig ist. Nur aus den falschen Gründen. 

Was wir tun sollten

Die aktuell politisch Verantwortlichen versuchen derzeit die Strukturen zu schützen. Sie bekennen sich zur Schulpflicht und zu einem gerechten und integrativen Bildungssystem. Das hilft und rüttelt auf, aber es braucht noch mehr. 

Wir müssen hinschauen, wenn eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei Bildung für ihre Zwecke instrumentalisiert. Die demokratische Gesellschaft muss Bildung für sich ernst nehmen. So ernst, wie die AfD sie nimmt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Kindheit ist keine Kostenstelle. Bildung ist der Ort, an dem eine Gesellschaft entscheidet, was sie werden will. Wenn wir dieses Feld leer lassen, füllt es jemand anderes. 

Kinder haben ein Recht auf ihre Gegenwart. Und sie haben ein Recht darauf, sich zu freien Menschen zu entwickeln – auch außerhalb des Elternhauses, in der gemeinsamen Welt. Dieses Recht verteidigt man, indem wir Kindern und Bildung mehr Beachtung schenken und zu einer der wichtigsten Zukunftsfragen machen. 

Eine Partei nimmt Bildung ernst. Höchste Zeit, dass alle anderen es auch tun. 

Über den Autor

Benedikt Hensel

Als Diplom-Pädagoge und Geschäftsführer bei Kindermitte bewegt er sich zwischen Fachpraxis und Politik. Seine Schwerpunkte: eine Gesellschaft und Bildungslandschaft, die Kinder wirklich in den Mittelpunkt stellen. Dafür übernimmt er mit Kindermitte Verantwortung – weil echte Wirkung Haltung braucht.

  • benedikt@kindermitte.org

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