„Demokratie braucht Erziehung“ – Rezension zum Buch

Ist Kita politisch?

Die Frage, wie bei autoritären und rechtspopulistischen Strömungen gegenzuhalten ist, treibt mich als Mensch und Pädagogin schon lange um. Ist Kita nun politisch oder nicht? Dürfen wir uns als Fachkräfte in unseren Kitas positionieren? Auf der Suche nach Antworten kam mir das Buch von Herbert Renz-Polster und Ulrich Renz gerade Recht. Nicht so dick, große Schrift, kurze Kapitel. Also mal schnell gelesen, dachte ich.

Die Autoren beginnen direkt mit einer Erklärung des Gesamtpaketes der rechtspopulistischen Ideen und Haltungen und greifen dabei alle gängigen Erklärungsideen auf. Unterschiedliche Inhalte, Feind- und Weltbilder werden angeschnitten und nach ersten gemeinsamen verbindenden Elementen in den rechtspopulistischen Strömungen gesucht.

Ist es allein der Autoritarismus, das Bildungsniveau, das Gefühl des Abgehängtseins, der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer eigenen Gruppe oder die einfache Aufteilung der Welt in oben und unten?    
All das scheint großen Einfluss zu haben, doch wir wissen ja, dass es nicht auf alle Menschen in diesen Erklärungsmustern zutrifft. Wer ist anfällig für Rechtspopulismus und wer nicht? Die Antwort auf die Frage: „Gibt es den Prototyp des Rechten?“ wird klar mit Nein beantwortet und das ist auch eine der wichtigsten Aussagen des Buches. Es gibt allerdings einige Merkmale, die sich in allen autoritären, faschistischen und rechtspopulistischen Gruppierungen finden lassen. Diese werden klar begünstig und gefüttert durch Erfahrungen in der Kindheit und Jugend.

Das Kleeblatt – die vier Entwicklungsfragen

Herbert Renz-Polster beschreibt auch in seinen anderen Publikationen immer wieder die vier Entwicklungsfragen der Kinder (das Kleeblatt), deren Beantwortung entscheidende Weichen im Leben stellen.

Es sind die Fragen nach

 1) Sicherheit,
2) Wert und Anerkennung,
3) Zugehörigkeit und
4) Wirksamkeit. 

Werden diese Fragen ausreichend gut und in einem zugewandten Klima beantwortet, können Kinder ihre Persönlichkeitskompetenzen wie Empathie, Resilienz, Selbstvertrauen oder Kreativität entwickeln.
Renz-Polster und Renz unterscheiden bei der Beantwortung der vier Fragen drei verschiedene Beziehungssprachen, denen Kinder im Laufe der Zeit und je nach Ort des Aufwachsens begegnen. Diese Beziehungssprachen tragen wesentlich zur Prägung der Haltung der Heranwachsenden bei und bedingen den Grad der Affinität zu autoritären und rechtspopulistischen Strömungen.

Interessant wird das Buch für mich als Kitaträgerin natürlich bei der Geschichte der Pädagogik und der Form der Betreuungsmodelle in den letzten Jahrzehnten. Können wir in unseren Einrichtungen die Fragen des Kleeblattes gut beantworten? War es überhaupt jemals die Idee der frühkindlichen Betreuung (Bildung), die Entwicklungsfragen der Kinder gut zu beantworten? Tragen wir Mitverantwortung, wenn Kinder mit einem Gefühl der Scham und Wertlosigkeit aufwachsen? Die Kapitel dazu können für Pädagog:innen sicher schmerzhaft erkenntnisreich sein. Zur Mitte des Buches keimte immer wieder das Gefühl in mir auf, so einfach könne die Antwort doch nicht sein.

Unser pädagogisches Wirken zählt

Nach kurzer Lesepause konnte ich mich wieder gut einlassen und habe verstanden, dass der Blick in autoritäre, faschistische und rechtspopulistische Gesellschaften immer wieder zum Kleeblatt zurückkommt. Es ist Teil der Erklärung und nicht die alleinige Wahrheit. Und doch sollte gerade uns Pädagog:innen dieses Kleeblatt besonders interessieren. Wir haben die Chance, Entwicklungsfragen gut zu beantworten, wir haben die Möglichkeit, wertzuschätzen, Zugehörigkeit erlebbar zu machen und sichere Orte zu schaffen, in denen Kinder wirksam sein können.

Bin ich nach dem Buch klüger? Vielleicht nicht so sehr wie gewünscht. Aber ich habe viel reflektiert, gesprochen und anders hingeschaut. Und das erscheint mir wichtiger als reiner Wissenserwerb.
Ich bin Demokratin, Antifaschistin und Pädagogin. Es braucht uns und unser pädagogisches Wirken, wenn wir wollen, dass autoritäre Strömungen nicht gewinnen. 

Fazit: Leseempfehlung für alle, die unsere Demokratie verstehen und erhalten wollen!

Rezension von Vivika Sommer

Diese Artikel könnten dich auch interessieren:

21. September 2026

„Wir dürfen bei den Kindern nicht den Rotstift ansetzen“ – Interview zum Hamburger Haushaltsentwurf 2027/2028 

Der Hamburger Haushaltsentwurf für 2027 und 2028 sorgt in der Kita-Landschaft für Diskussionen. Kindermitte kritisiert, dass trotz vorhandener Mittel zu wenig in die Qualität ...

„Wir dürfen bei den Kindern nicht den Rotstift ansetzen“ – Interview zum Hamburger Haushaltsentwurf 2027/2028 
17. September 2026

Unser Trägeraustausch im Montessori Kinderhaus Vierlanden

Kindermitte e.V. bietet für seine Mitglieder regelmäßige Austausch-Treffen an. Diese Veranstaltung bringt Träger zusammen, um voneinander zu lernen, Einblicke in unterschiedliche pädagogische ...

Unser Trägeraustausch im Montessori Kinderhaus Vierlanden
27. August 2026

Haushaltsentwurf 2027/2028 – Bestenfalls Stillstand

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat den ersten Entwurf für den Doppelhaushalt 2027/2028 veröffentlicht. Im Haushaltsplan werden die Einnahmen sowie die verschiedenen ...

Haushaltsentwurf 2027/2028 – Bestenfalls Stillstand
25. August 2026

Mehr als ein Projekt: BNE als Teil des Ganztags 

Ein Schulgarten hier, eine Klimawoche dort: Bildung für nachhaltige Entwicklung hat in vielen Einrichtungen längst einen Platz gefunden. Aber was, wenn sie ...

Mehr als ein Projekt: BNE als Teil des Ganztags 
25. August 2026

Der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung  

Was für den Kitabereich schon seit 2013 existiert, wird nun endlich auch für den Ganztag umgesetzt. Mit dem Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) erhalten ab dem 1. ...

Der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung  
21. Juli 2026

Die Zukunft darf nicht das Problem der Kinder sein 

Wenn wir Kinder auf die Zukunft vorbereiten sollen, müssen wir die Zukunft auch im Interesse der Kinder gestalten.   In der Bildung ist ...

Die Zukunft darf nicht das Problem der Kinder sein 

Fragen?

Du bist Träger und suchst Rückendeckung, Austausch und eine starke Stimme? Du bist Teil einer Organisation, eines Netzwerks oder der Politik – und willst mit uns gemeinsam Bildung voranbringen? Dann lass uns reden. Über gemeinsame Ziele, mögliche Projekte und darüber, wie wir zusammen mehr bewegen können.