Die Freie und Hansestadt Hamburg hat den ersten Entwurf für den Doppelhaushalt 2027/2028 veröffentlicht. Im Haushaltsplan werden die Einnahmen sowie die verschiedenen Budgets der Behörden der Stadt Hamburg ausgehandelt und geplant. Mit dem ersten Entwurf stellt der Senat ihre Prognosen für die Einnahmen und Ausgaben der folgenden Jahre vor, der genaue Plan wird in den folgenden Monaten in der Bürgerschaft verhandelt und anschließend beschlossen. Wir haben diesen Plan analysiert und möchten dir in diesem Beitrag einen ersten Überblick über die Inhalte und ihre Bedeutung für das Feld der Kindertagesbetreuung und GBS geben.
Frage 1: 6,3 Milliarden Euro für die Bildungs- und Familienbehörde – ein Plus von 7 % für 2027. Kommt davon etwas bei den Kindern an?
Antwort: Wichtig ist der Blick auf die Größenordnung: Der Kita-Anteil am Gesamthaushalt der Behörde ist nicht gering, aber auch nicht der größte. Der Großteil der 6,3 Milliarden entfällt auf die Schule und nicht auf Kita-Mittel. Und für den Kita-Bereich selbst gibt es im Haushaltsplan für 2027/2028 keine Verbesserung, sondern ein Minus: Denn im Vergleich zu den Planungen im letzten Haushalt sinkt der Aufwand um über 55 Millionen Euro.
Die Stadt nutzt sinkende Geburten- und Betreuungszahlen im Krippenbereich, um einzusparen. Es gibt nichts Neues oder Zusätzliches im Kita-Budget,sondern den selben Personalschlüssel und dieselbe Summe für Kita-Plus. Das Geld wird also nicht mehr, nicht einmal inflationsbedingt. Das Statistikamt Nord hat gerade erst gemeldet, dass zum 01.03.2026 5,3 Prozent weniger Kinder unter drei Jahren betreut wurden als ein Jahr zuvor und im Haushaltsplan wird sogar mit einer weiter sinkenden Betreuungsquote gerechnet, nicht nur mit weniger Kindern in absoluten Zahlen. Damit reiht die Betreuungsquote sich in die frustrierenden Steuerungskennzahlen ein: Das Beste, was der Haushalt in der Kindertagesbetreuung bis 2030 vorsieht, ist Stillstand. Nicht eine einzige Kennzahl zielt auf eine Verbesserung ab.
Das passt zu Entwicklungen auf Bundesebene, die diesen Trend eher verstärken als abfedern. Es scheint nicht so, dass die Politik Kinder in den Mittelpunkt stellt und in sie investiert. Auch Eltern werden aktuell nicht entlastet, wie steigende Elternbeiträge zeigen. Das alles kann dazu führen, dass nicht nur weiterhin weniger Kinder geboren werden, sondern Familien später oder mit weniger Stunden in die Kita gehen. Letztendlich trägt das mit dazu bei, dass die Stadt insgesamt weniger zahlen muss.
Warum steigt der Gesamtetat der Behörde trotzdem?
Vor allem wegen der Schule: Dort stecken Lohn- und Pensionsansprüche, also Personalkosten, an denen sich kaum drehen lässt. Und im Schulbereich sind die Kinderzahlen, trotz leichter Stagnation, noch deutlich stabiler. Die schwächeren Geburtenjahrgänge sind dort einfach noch nicht angekommen.
Frage 2: Fünf Stunden Kita bleiben beitragsfrei. Alles darüber wird ab August 2027 für einkommensstärkere Familien spürbar teurer. Wechseln Familien deshalb auf kürzere Gutscheine – und was bedeutet das für die Kitas?
Antwort: Wir sehen schon in den letzten Jahren eine Verschiebung: weg von 12- und 10-Stunden-Gutscheinen, hin zu mittleren Kontingenten – 8 und 6 Stunden –, während der 5-Stunden-Gutschein relativ konstant bleibt. Das kann mit Homeoffice zu tun haben, vielleicht auch mit einer veränderten Einstellung zur Betreuungszeit. Familien entscheiden sich eher für die nächstniedrigere Stufe, wenn sich die Kostenstruktur ändert und sie es irgendwie stemmen können.
Nicht nur für die Familien ist das ein spürbarer Unterschied, sondern insbesondere auch für die Kita: Der Wechsel von 10 auf 8 oder von 8 auf 6 Stunden schlägt bei der Einrichtung sehr stark zu Buche. Wir haben schon mehrere Kitas erlebt, die ihre Öffnungszeiten angepasst haben, weil sie nur noch für zwei oder drei 10-Stunden-Gutscheine aufwendige Randbetreuung mit zusätzlichem Personal vorhalten mussten – ein Minusgeschäft.
Die geringeren Kinderzahlen wirken sich auch personell aus: Kitas steuern gegen, indem sie Stellen nicht nachbesetzen oder – im schlechtesten Fall – Personal abbauen müssen, weil es finanziell nicht mehr passt. Gute Fachkräfte müssen sich deswegen aber keine Sorgen machen. Auch in Zukunft sind gute Fachkräfte gefragt.
Frage 3: Strenge Maßstäbe bei der Ausgabenentwicklung, sagt der Senat. Wo wird am Ende wirklich gespart – bei Personal, bei Qualität, bei Öffnungszeiten oder bei den pädagogischen Angeboten?
Antwort: Bei den Öffnungszeiten sehen wir eher eine Anpassung als ein klassisches Sparen – das ist Steuerung der Träger.
Die größere Gefahr sehe ich bei der Qualität: größere Investitionen in Instandhaltung oder Modernisierung, in Qualitätsmanagement, in externe Fortbildung oder auch einfach in neue Ausstattung – all das steht schnell zur Disposition, wenn das Geld knapp wird. Das sind die Posten, an denen zuerst gekürzt wird, weil sie kurzfristig am wenigsten „wehtun“. Die Folgen spüren letztendlich die Kinder und Familien.
Frage 4: „Verlässlichkeit und Kontinuität“ trotz knapper Kassen – das verspricht die Stadt. Stimmt das mit der Praxis überein? Oder klafft da eine Lücke zwischen Anspruch und Finanzierung?
Antwort: Verlässlichkeit und Kontinuität sind bestenfalls Teilaspekte von Qualität – aber wenn ich verlässlich und kontinuierlich eine schlechte Qualität fortschreibe, habe ich am Ende immer noch eine schlechte Qualität. Und genau das passiert hier: Der Haushalt sieht keineVerbesserung vor, sondern schreibt den Status quo einfach fort. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an frühkindliche Bildung spürbar, gerade wenn man die bekannten Bedarfe im Bildungssystem ernst nimmt – Hamburg mag im Bundesvergleich vergleichsweise gut dastehen, gehört damit aber bestenfalls zu „den Besten der Schlechten“.
Der Bedarf ist längst erkennbar: in der Kita und aus schulischer Perspektive. Ob und wie weit die Kita das allein auffangen kann und soll, ob Eltern stärker eingebunden werden müssen oder auch die Schule ihr Konzept anpassen muss, ist eine eigene Debatte. Klar ist aber: Je früher Unterstützung ansetzt, desto besser wirkt sie. Wer daran wirklich etwas verbessern will, braucht Ressourcen: Zeit für Vorbereitung, Fachberatung, eine qualitätsorientierte Personalentwicklung. Gerade weil wir multiprofessionelle Teams und junge Fachkräfte haben, die unterschiedliche Perspektiven auf Qualität mitbringen, braucht es gemeinsame Anleitung und dafür feste Zeitkontingente. Genau die fehlen im aktuellen Haushalt.
Frage 5: Ein Satz an die Stadt – was soll sie tun?
Antwort: Die demografische Rendite nutzen: Wenn wir 5,3 Prozent weniger Krippenkinder haben, muss mindestens dieser Anteil zusätzlich pro Kind investiert werden, denn Bildungsarbeit ist gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kein Kostenfaktor, sondern ein Standortvorteil für Fachkräfte, eine Grundlage sicherer Bildung und Betreuung und eine Investition in die Gesellschaft. Kinder müssen der Gesellschaft einfach mehr wert sein.
Pressekontakt:
Benedikt Hensel
benedikt@kindermitte.org
Weiterführende Informationen findest du auf der Webseite der Stadt Hamburg: https://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/behoerden/bsfb/senat-beschliesst-haushaltsplan-2027-27-1191368

