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11.03.21
Autor: Sarah Stüber
Sarah Stüber

Warum ich jetzt keinen Applaus für Erzieher möchte

Eine Reflexion zur Öffnung der Kitas

Wenn bald auch in den letzten verbleibenden Bundesländern die Kitas in den Regelbetrieb gehen – oder falls aufgrund einer dritten Welle alle Kitas wieder auf Notbetrieb umschalten – dann wird es wieder Dankbarkeit geben für den Job, den Erzieher:innen machen.

Im Familienalltag sind die Kinder extern betreut

Dass die Kinder tagsüber in Kita und Krippe versorgt werden ist in die Organisation des Familienalltags fest eingeplant. Wenn zwischen Jobs, persönlicher Entfaltung, sozialen Verpflichtungen und optimierter Nachwuchsförderung ein Baustein wegbricht, wie es in vielen Monaten dieser Pandemie der Fall war und ist, dann gerät das Familienbauwerk schon mal kräftig ins Wanken. Viele Menschen sind in dieser Zeit an ihre Grenzen geraten – nicht, weil sie innerhalb weniger Generationen verlernt hätten, die eigenen Kinder zu erziehen, sondern weil sie ihren Alltag anders organisiert haben. Montag bis Freitag sind nach den Verpflichtungen und Bedürfnissen von Erwachsenen ausgerichtet; Kinderzeit fängt bei vielen nicht vor 16 Uhr an.

Der Lockdown zeigt, was ohne Erzieher:innen fehlt

Und dann plötzlich Lockdown, Kinder sollen zwischen Homeoffice und Haushalt untergebracht werden; das ist für sie langweilig und die Eltern nervenaufreibend. Umso mehr werden in den letzten Monaten die Erzieher:innen lobend erwähnt. Sie haben in der Notbetreuung durchgehend gearbeitet und entzerren nun bald wieder für alle Familien den nicht kindgerechten Alltag, wenn sie alle Kinder wieder in der Kita betreuen. Und ja, sie setzen sich damit einem höheren Infektionsrisiko aus und ja, sie bewegen sich damit ins außen, während andere die Corona-Pandemie im privaten Rückzug – mehr oder weniger belastet – abwettern. Deshalb wurde im letzten Jahr auch für Erzieher:innen von Balkons geklatscht. Und Verbände fordern, diese Wertschätzung dann auch in Geld umzusetzen.

Nur, was ist der Grund, weshalb jetzt auf einmal Erzieherinnen und Erzieher in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden? Es geht um ihre Bedeutung als Baustein im Alltagsgefüge der Familien, die so ihren Verpflichtungen nachgehen können und letztlich mit ihrer Arbeitskraft die Wirtschaft am Laufen zu halten. Wenn wir derzeit über Kita sprechen, steht fast immer das Betreuen im Vordergrund, also die Aufbewahrung. Erzieher:innen werden wertgeschätzt, weil sie einfach da sind, sich an die Infektionsfront werfen und so die Betriebe am Laufen halten. Doch für dieses Aufopfern, für das Aufrechterhalten oder Wiederaufnehmen der Aufbewahrung, für das bloße Aushalten (welche:r Erzieher:in hat noch nicht den Satz gehört „ach, ich könnte das nicht“?) dafür will ich keinen Lob.

Kita ist der erste Bildungsort

Das was Kita leistet – oder leisten sollte – ist etwas anderes. Der Grund, weshalb sich Menschen bewusst für einen pädagogischen Beruf entscheiden, ist nicht, dass Eltern dann so schön entlastet sind.

Kita ist der erste Bildungsort für Kinder außerhalb der eigenen Familie. Durch die Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen kann soziale Ungleichheit ausgeglichen, Neugier bei jungen Forscher:innen geweckt und Persönlichkeitsentwicklung begleitet werden. In der Kita wird Zukunft gestaltet. Wenn die drängenden Aufgaben der Veränderung früh begleitet werden, dann werden wir sie später akzeptieren und angehen. Wenn wir eine wache Gesellschaft sein oder werden wollen, dann brauchen wir doch aufgeklärte Menschen, die Empathie für ihr Gegenüber entwickeln, Menschen, die mutig und kreativ sind. Diese Reise beginnt in der Kita. Und dafür will ich Applaus.

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