Der Hamburger Haushaltsentwurf für 2027 und 2028 sorgt in der Kita-Landschaft für Diskussionen. Kindermitte kritisiert, dass trotz vorhandener Mittel zu wenig in die Qualität der frühkindlichen Bildung investiert werde. Im Gespräch erklärt Kindermitte Geschäftsführer Benedikt Hensel, warum er den aktuellen Kurs für problematisch hält, was sich für Kinder, Familien und Fachkräfte ändern muss und welche Erwartungen er an den Hamburger Senat hat.
Benedikt, Kindermitte hat den Hamburger Haushaltsentwurf 2027/2028 deutlich kritisiert. Was ist aus deiner Sicht das größte Problem?
Benedikt Hensel: Das größte Problem ist, dass wir bei der frühkindlichen Bildung Gefahr laufen, uns mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Die Stadt Hamburg und die Träger haben in den vergangenen Jahren viel in den quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung investiert. Das war wichtig und richtig. Aber jetzt müssen wir den nächsten Schritt gehen: Es muss endlich wieder stärker um Qualität gehen.
Die Träger haben mehr Plätze geschaffen, wir haben Strukturen aufgebaut und wir haben wichtige Verbesserungen beim Personalschlüssel erreicht. Gleichzeitig erleben wir in den Einrichtungen weiterhin enorme Herausforderungen. Fachkräfte brauchen Zeit für pädagogische Planung, Anleitung, Austausch und Reflexion. Kinder brauchen verlässliche Beziehungen und gute Bildungsangebote. Genau dort müssen wir investieren.
Du sprichst von einem Stillstand bei der Qualitätsentwicklung. Woran machst du das konkret fest?
Wir haben aus unserer Sicht einen deutlichen Widerspruch zwischen politischen Ankündigungen und tatsächlicher Umsetzung. Der Bund stellt erhebliche Mittel für die Verbesserung der Kita-Qualität zur Verfügung. Für Hamburg geht es für die Jahre 2025 und 2026 um insgesamt 88,2 Millionen Euro. Davon werden lediglich 1,67 Millionen Euro für neue Qualitätsmaßnahmen eingesetzt.
Das ist aus meiner Sicht ein falsches Signal. Wenn Geld ausdrücklich für Qualitätsentwicklung zur Verfügung steht, dann sollte es auch dafür eingesetzt werden.
Was hätte mit diesen Mitteln tatsächlich verbessert werden können?
Ein wichtiger Punkt sind beispielsweise Anleitungsstunden für Auszubildende, Studierende und Quereinsteigende. Wer neue Menschen für den pädagogischen Beruf gewinnen und langfristig halten möchte, muss ihnen eine gute Ausbildung und Begleitung ermöglichen.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die sogenannte mittelbare Pädagogik. Pädagogische Fachkräfte brauchen Zeit, die nicht unmittelbar am Kind stattfindet – etwa für Vorbereitung, Dokumentation, Beobachtung, Elterngespräche und die Zusammenarbeit im Team.
Diese Zeit ist keine „zusätzliche Komfortleistung“. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil professioneller pädagogischer Arbeit.
Warum ist diese mittelbare Pädagogik aus deiner Sicht so wichtig?
Weil gute pädagogische Arbeit nicht erst in dem Moment beginnt, in dem ein Kind morgens durch die Tür kommt.
Eine Fachkraft muss sich Gedanken machen: Was beschäftigt dieses Kind? Welche Entwicklungsimpulse kann ich setzen? Wie kann ich eine Gruppe begleiten? Was muss ich mit Eltern oder Kolleginnen und Kollegen besprechen?
Wenn dafür keine ausreichende Zeit vorhanden ist, steigt der Druck auf die Fachkräfte und langfristig leidet die Qualität. Wir müssen deshalb aufhören, pädagogische Arbeit nur über die unmittelbare Zeit mit den Kindern zu definieren.

Kritiker:innen könnten sagen: Hamburg muss sparen. Ist es angesichts der angespannten Haushaltslage realistisch, mehr Geld für Kitas zu fordern?
Natürlich müssen wir über einen verantwortungsvollen Umgang mit öffentlichen Geldern sprechen. Das bestreitet niemand.
Aber Sparen darf nicht bedeuten, dass wir ausgerechnet dort sparen, wo Investitionen langfristig besonders viel bewirken. Frühkindliche Bildung ist eine Investition in die Zukunft – und zwar nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ökonomisch.
Wenn Kinder gute Bildungs- und Entwicklungschancen erhalten, profitieren davon später die gesamte Gesellschaft und der Arbeitsmarkt. Umgekehrt entstehen hohe Folgekosten, wenn Bildungs- und Teilhabechancen früh im Leben nicht ausreichend unterstützt werden.
Deshalb müssen wir viel stärker fragen: Was kostet es uns, nicht in Qualität zu investieren?
Du kritisierst auch, dass politische Zusagen nicht eingehalten wurden. Was genau meinst du damit?
Es wurden konkrete Verbesserungen angekündigt – unter anderem eine breitere Förderung von Anleitungsstunden sowie der Einstieg in die mittelbare Pädagogik. Diese Zusagen sind bislang nicht umgesetzt worden. Das ist für uns nicht nur eine finanzielle Frage. Es geht auch um politische Verlässlichkeit. Wenn Politik gegenüber den Trägern, Fachkräften, Familien und Kindern Verbesserungen ankündigt, dann muss man sich darauf verlassen können. Gerade in einem Bereich wie der frühkindlichen Bildung, in dem langfristige Planung notwendig ist, brauchen wir Verlässlichkeit.
Was bedeutet die aktuelle Haushaltspolitik konkret für die Fachkräfte in den Kitas?
Erzieherinnen und Erzieher repräsentieren häufig die erste Bildungsinstitution und sind erste Ansprechpartner:innen für Familien. Die Fachkräfte erleben ohnehin einen hohen Arbeitsdruck. Sie leisten jeden Tag enorm viel – häufig unter schwierigen Bedingungen. Wenn wir ihnen gleichzeitig die notwendigen Zeiten für Vorbereitung, Reflexion, Anleitung und Teamarbeit vorenthalten, erhöhen wir diesen Druck weiter. Wir sollten uns deshalb nicht nur fragen, wie viele Menschen in einer Kita arbeiten. Wir müssen uns auch fragen, unter welchen Bedingungen sie arbeiten können. Gute Rahmenbedingungen für Fachkräfte sind letztlich gute Rahmenbedingungen für Kinder.

Und was bedeutet das für die Familien?
Kitas sind oft erste Beratungsstelle und leisten einen großen Teil der Familiensozialarbeit. Familien erwarten zu Recht, dass ihre Kinder in der Kita nicht einfach betreut, sondern gut begleitet und in ihrer Entwicklung unterstützt werden.
Eltern brauchen außerdem Verlässlichkeit. Sie müssen darauf vertrauen können, dass ihre Kinder in den Einrichtungen gute Bildungs- und Entwicklungsbedingungen vorfinden. Deshalb ist die Qualitätsfrage keine interne Angelegenheit der Kita-Träger. Sie betrifft jede Familie in Hamburg.
Was würdest du der Hamburger Politik angesichts des Haushaltsentwurfs konkret mit auf den Weg geben?
Ich würde mir wünschen, dass wir die Diskussion stärker aus der Perspektive der Kinder führen. Wir sprechen sehr häufig über Haushaltszahlen, Personalschlüssel, Kosten und Einsparungen. Alles davon ist wichtig. Aber am Ende müssen wir uns fragen: Was kommt bei den Kindern an? Hamburg hat den Anspruch, eine Bildungsstadt zu sein. Dann müssen wir auch bereit sein, entsprechend in Bildung zu investieren, und zwar von Anfang an.
Was fordert Kindermitte deshalb konkret?
Wir brauchen einen echten Qualitätsschub in der frühkindlichen Bildung.
Dazu gehören aus unserer Sicht insbesondere eine breite Förderung von Anleitungsstunden für Auszubildende, Studierende, FSJler:innen und Quereinsteigende sowie der zeitnahe Einstieg in die mittelbare Pädagogik für alle Fachkräfte. Und wir brauchen einen politischen Dialog darüber, wie wir die Qualität der Kitas langfristig sichern und weiterentwickeln.
Was wäre deine größte Sorge, wenn sich am aktuellen Kurs nichts ändert?
Meine größte Sorge ist, dass wir eine Chance verpassen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, die Erfahrungen der vergangenen Jahre zu nutzen und die nächste Entwicklungsstufe einzuleiten. Die sinkenden Kinderzahlen sind für uns auch immer Chancen: für Investitionen und für Fachkräfte. Zudem geht es mir um eine Gerechtigkeit. Für die wirtschaftlichen und demographischen Probleme sind die Kinder nicht verantwortlich und dennoch, müssen sie die Last besonders tragen. Wenn wir diese Chance jetzt nicht ergreifen, riskieren wir, dass die Belastung der Fachkräfte weiter steigt und Qualitätsentwicklung immer wieder aufgeschoben wird. Und irgendwann wird aus dem Aufschieben ein strukturelles Problem.
Zum Abschluss: Was wünscht du dir für Hamburgs Kinder?
Ich wünsche mir, dass wir Kinder nicht als Kostenfaktor betrachten, sondern als das, was sie sind: unsere Zukunft und unsere Gegenwart. Jeder Euro, den wir in gute frühkindliche Bildung investieren, ist eine Investition in faire Chancen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Zukunft unserer Stadt. Deshalb sollten wir bei den Kindern nicht zuerst fragen, wo wir sparen können. Wir sollten fragen, was sie brauchen und wie wir es möglich machen.
Das ist aus meiner Sicht der Maßstab, an dem sich der Hamburger Haushalt messen lassen muss.
Was denkt ihr über die Sparmaßnahmen des Hamburger Senats? Sendet uns gerne ein Kommentar oder ein Feedback zu diesem Thema an: info@kindermitte.org.

