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20.09.18
Autor: Sina Lumpe
Sina Lumpe

„Kinder brauchen Freiräume“ – freie Assoziationen zu einer Forderung

Meine Mutter ist als Kind in den Ruinen des Nachkriegsberlins herum geklettert – ob ihre Eltern das damals wussten, weiß ich nicht. Meine Freundinnen und ich haben ganze Tage auf den Dächern unseres 5-stöckigen Häuserblocks verbracht – dass unsere Eltern das nicht wussten, weiß ich sehr genau. Mein Sohn hat eine ähnliche Vorliebe für das verbotene Besteigen hoher Gebäude – das weiß ich, seit die Polizei bei uns anrief...

„Kinder brauchen Freiräume“...ist das diesjährige Motto des Weltkindertags am 20. September. Diese Forderung lässt in sich bereits viel Freiraum. Für Auslegungen und Schwerpunkte, für Diskussion und Denkanstöße. Das erste, was mir spontan dazu einfiel, waren die oben skizzierten Anekdoten. Im privaten und beruflichen Umfeld kamen den Befragten noch ganz andere Assoziationen zu Freiräumen für Kinder:

  • Freie Zeit-Räume / Freiräume in der eigenen Freizeit
  • Zeit und Raum frei von Fernseher, Computer, Handy...
  • Spielplätze zur freien Entfaltung
  • Wälder, Parks, Gärten...
  • Wiesen, frei von Hundekacke und Müll
  • eigener Raum in Räumen (Wohnung, Kita...)
  • Freiraum in der Woche, unverplante Tage
  • Spielzeug, das Freiraum lässt oder gleich spielzeugfreier Raum
  • und immer wieder: kindliche Selbstbestimmung, Autonomie, Mündigkeit, Mitbestimmungsrecht, Partizipation, kurz: Entscheidungsfreiräume!

Entscheidungsfreiräume und Handlungsspielräume

Das Motto wirft Fragen und Diskussionsbedarf auf: Wie viel Freiraum braucht ein Kind? Und wo müssen wir den Freiraum begrenzen? Müssen wir? Kann es Freiräume erst ab einem bestimmten Alter geben? In einem bestimmten Rahmen? Und wer bestimmt den? Und vor allem: Wie??

In der elterlichen Diskussion, die wir anlässlich des Polizeianrufs führten, wurde mir klar: Ich kann nicht authentisch behaupten, dass ich es total daneben finde, auf Dächer zu klettern. Vor allem aber will ich nicht mit „Das ist total gefährlich!“ argumentieren. Ein 13-jähriger Mensch fällt doch nicht einfach so von einem Dach. Er hat ja 13 Jahre lang geübt, sich selbst einzuschätzen, seine Kräfte, sein Geschick, die Gefahr abzuwägen und das Risiko zu kalkulieren. Er hat Erfahrungen mit stetig wachsenden Freiräumen gesammelt.

– Hat er?!

Wie viel Raum lassen wir Kindern, sich auszuprobieren möglicherweise auch über unsere persönliche Komfortzone hinaus? Es geht ja bei den Allerkleinsten los. Wie schnell schreiten wir ein, wenn eine vermeintliche Gefahr droht? Und wie groß ist die Gefahr tatsächlich? Ist es unbedingt zu verhindern, dass Kinder an der Pumpe nass werden, wenn nicht Hochsommer ist? Müssen wir sie zu jedem Zeitpunkt in jedem Winkel des Geländes sehen können? Ist unsere lückenlose Beobachtung von Nöten, wenn sie mit Schere oder Messer hantieren?

Wie oft bremsen wir den Freiheits- und Forscherdrang auch ganz ohne drohende Gefahr und beschneiden die Kinder in ihrer Selbstbestimmung? Weil sie im Essen nur noch matschen, weil das, was sie da gerade ausprobieren zu laut ist, weil jetzt das Musikangebot dran ist...? Weil wir eben besser wissen, was richtig ist, sogar wie hungrig sie sind und wie müde!?

Und dann diese Sache mit der Partizipation. Wie viel Raum geben wir Kindern, wirklich frei zu entscheiden, was sie wollen? Ist es schon partizipativ, wenn sie abstimmen können, ob sie auf den Schweinchen-Spielplatz oder auf den Burg-Spielplatz gehen wollen? Müssen wir die drohende Gefahr abwehren, dass es jeden Tag Pommes gibt, wenn wir Kinder über den Speiseplan bestimmen lassen? Ist es altersgemäß, Kleinkinder in demokratische Entscheidungsprozesse einzubinden?

Wer muss sie schaffen diese Freiräume? Oder: Wer will?!

Wie viel Freiraum haben unsere Kinder? In ihrer Freizeit, zwischen Pekip und Pikler, zwischen Geige und Ballett, zwischen Handy und Playstation? In der Kita, in der Schule, zu Hause, in der Stadt... Wo dürfen sie spielen? Was? Und wie laut und wie wild?

Zu jedem dieser Aspekte könnten man einen eigenen Beitrag schreiben. Oder die Kinder befragen! Denn die wissen ja am besten, wo sie sich frei fühlen – oder was sie bräuchten, um es zu tun. Jüngst hat ein 7-Jähriger in Hamburg eine Demo angemeldet, um für Kinder mehr handyfreie Zeit mit ihren Eltern zu erkämpfen: Der öffentliche Raum gehörte für einen Vormittag den Kindern und ihrer Forderung: Spielt mit MIR! Nicht mit Euren Handys! Die Mutter des Jungen legt seither ihr Handy im Flur ab, wenn sie nach Hause kommt und benutzt es nur noch da. Alle anderen Zimmer sind fortan Handy-Frei-Räume.

„Kinder und Jugendliche wollen ihren Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. Dafür ist es notwendig, dass wir ihnen Freiräume eröffnen, damit sie ihre Ideen und Wünsche einbringen und ihr persönliches Potenzial entfalten können“, sagt Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland. „Es liegt in der Verantwortung der Politik, hierfür die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen.“

Schön, wenn die Politik Verantwortung übernimmt. Besser noch, wenn wir es alle tun. Indem wir uns immer wieder hinterfragen: Was wiegt hier schwerer? Mein Sicherheitsbedürfnis oder das Freiheitsbedürfnis des Kindes? Meine Überzeugung zu wissen, was richtig ist oder das Vertrauen darauf, dass das Kind selbst das richtige entscheiden kann? Indem wir ins Gespräch gehen mit anderen über all die oben gestellten Fragen und viele mehr. Indem wir unser pädagogisches Handeln reflektieren in Bezug auf die Frage: Wo, wann und wie (weit) können und dürfen Kinder über ihre eigenen Belange selbst entscheiden? Und wo können und wollen wir ihnen mehr Freiraum verschaffen, im übertragenen wie im ganz real räumlichen Sinne.

Diskutiert mit! Schreibst uns, wo ihr Freiräume für Kinder in eurem Umfeld seht. Und wo ihr sie vermisst. Wir sind gespannt auf eure Antworten zu all diesen Fragen und eure Meinungen zu diesem weiten Themenspektrum.

(Übrigens: Ich bin eine fürchterliche Mutter, wenn meine Kinder auf Bäume klettern. Ich kann da nicht hinsehen. Darum tu ich es nicht. Und doch hoffe ich, dass sie in meiner Abwesenheit keine Gelegenheit auslassen, auf Bäume, Ruinen und Dächer zu klettern. Auf dass ich, wenn mir irgendwann die Polizei eins von ihnen nach Hause bringt, wieder sagen kann: „Wenn du strafmündig bist, solltest du das lassen. Aber ich vertraue darauf, dass du selbst einschätzen kannst, wie gefährlich es ist.“)

Schreibt uns, wo ihr Freiräume für Kinder in eurem Umfeld seht. Und wo ihr sie vermisst.

Und fragt die Kinder, wo sie sich frei fühlen!!

Wir sind gespannt auf eure Antworten zu all diesen Fragen und eure Meinungen zu diesem weiten Themenspektrum.

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