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16.05.18
Autor: Sina Lumpe
Sina Lumpe

Alle machen mit - Sprachbildung von allen für alle

Gelingende Sprachentwicklung ist die Grundlage für einen erfolgreichen Bildungsweg und die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben – das ist relativ unumstritten. Fraglicher ist, welcher Weg zum Gelingen führt. In den letzten Jahren wurden umfangreiche Maßnahmen zur vorschulischen Sprachförderung initiiert und umgesetzt. Allerdings wissen wir kaum etwas über deren Wirkung. Die wenigen fundierten Evaluationen verschiedener Sprachförderkonzepte jedoch ergaben ernüchternde Erkenntnisse: Bedeutende Effekte auf die sprachliche Entwicklung geförderter Kinder konnten nicht nachgewiesen werden.

Alltagsintegrierte sprachliche Bildung statt additiver Sprachförderung?!

Für die mangelnde Wirksamkeit additiver Sprachförderprogramme kann es unterschiedliche Gründe geben. Von den Rahmenbedingungen wie Beginn und Länge der Maßnahme, Häufigkeit und Dauer der Einheiten oder Größe der Gruppe über den methodisch-didaktischen Ansatz der Sprachförderung bis hin zur Qualifikation der fördernden Kraft hinsichtlich des Förderprogramms.

Eine entscheidende Rolle für den Erfolg von Sprachförderung könnte die (fehlende) Verbindung zum „echten Leben“ spielen. Ist es den geförderten Kindern möglich, einen Transfer aus dem zeitlich stark begrenzten Fördersetting (Kleingruppe, extra Kraft, isolierte Sprachaspekte...) hinaus in das Alltagsleben mit seinen vielfältigen sprachlichen Anforderungen zu leisten?

Tatsächlich liefert die Forschung auch ermutigende Hinweise darauf, dass die Unterstützung von Sprachentwicklung in Kitas vor allem dann gelingt, wenn sie in Form von alltagsintegrierter sprachlicher Bildung stattfindet.

Zur klaren Unterscheidung der Ansätze: Im Gegensatz zu Sprachtherapie, die deutlich vom pädagogischen Kontext abzugrenzen ist, da sie nur bei Vorliegen eines diagnostisch abgesicherten Befundes durchgeführt wird und Diagnostik und Therapie Kinderärztinnen und Logopädinnen obliegen, kann sowohl Sprachförderung als auch sprachliche Bildung in der Kita stattfinden.

(Additive) Sprachförderung hat kompensatorische Ziele, richtet sich also gezielt an Kinder mit besonderem Förderbedarf und erfolgt häufig in Kleingruppen. Den besonderen Bedarf soll die Förderung durch spezifische sprachdidaktische Konzepte und methodische Ansätze decken.

Sprachliche Bildung bezieht sich auf alle Sprachentwicklungsprozesse, damit fällt sie in den Aufgabenbereich der Bildungsinstitutionen bzw. konkreter: der pädagogischen Fachkräfte. Diese greifen für Sprachbildung geeignete Situationen auf und schaffen ein breites, anregendes Sprachangebot für alle Kinder (wenngleich sich sprachliche Bildung u.U. auch an kleinere Gruppen oder einzelne Kinder richten kann). Vor allem aber kann sie in den (Kita-)Alltag integriert werden.

Die Verantwortung dafür liegt somit nicht bei einer sprachfördernden Fachkraft, sondern alle pädagogischen Fachkräfte begleiten alle Kinder in den natürlichen Situationen des Alltags sprachbildend, ähnlich wie Eltern den Spracherwerb ihres Kindes. Allerdings reicht das „Sprachbad“ allein nicht aus, um auch kompensatorisch zu wirken. Art und Qualität des Inputs sind entscheidend. Hier ist es von großer Bedeutung, dass pädagogische Kräfte sich ihrer sprachlichen Vorbildfunktion bewusst sind und ihr eigenes Sprechverhalten reflektieren.

In diesem Beitrag soll keine Lanze für oder gegen additive Sprachfördermaßnahmen gebrochen werden. Vielmehr geht es darum, das große Potential der alltagsintegrierten sprachlichen Bildung aufzuzeigen – das unter anderem darin liegt, dass alle pädagogischen Fachkräfte dazu beitragen können – und zu einem Austausch von Erfahrungen und Ideen anzuregen.

Sprachbildung – immer und überall

Aber wie genau (inter)agiert man denn sprachbildend? „Eine hochwertige alltagsintegrierte sprachliche Bildung bedarf einer spezifischen professionellen Handlungskompetenz der pädagogischen Fachkräfte, die Fachwissen, handlungspraktisches Wissen und Können [...] umfasst.“ (Frühe Chancen, 2018). Dennoch: Für alltagsintegrierte Sprachbildung muss keine zusätzliche Kraft in zusätzlicher Zeit und zusätzlichen Räumen zusätzliche Arbeit leisten. Sprachliche Bildung findet nicht „auch noch“ statt, sondern „nebenbei“. Überall steckt Sprache drin! Wichtig ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wir diese verwenden. Fachkräfte – und zwar alle – können:

• in den verschiedensten Alltagssituationen Sprechanlässe schaffen und Kindern Raum zum Sprechen geben (beim Wickeln, Anziehen, Essen, Aufräumen...)

• reichhaltigen und anregenden Input geben (vielfältige Satzmuster und entwicklungsangemessenen Wortschatz verwenden)

• eine feinfühlige Dialoghaltung einnehmen (kindliche Gesprächssignale wahrnehmen, Interesse an Themen und Entwicklungsschritten der Kinder zeigen, auf einen wechselseitigen Austausch achten, durch Körpersprache und Stimme Wertschätzung ausdrücken...)

• Kinder darin unterstützen, auch komplexere Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen

• auf die Korrektheit der eigenen Sprache achten (vollständige Sätze formulieren, sich um eine deutliche Aussprache bemühen...)

• ihr Sprechtempo verringern, Stimmlage und Intonation zur Verdeutlichung nutzen

• das Sprechen gestisch und mimisch begleiten, Gestik und Mimik des Kindes beachten

• das eigene Bewusstsein dafür schärfen, welche Alltagssituationen man als Bildungsprozesse und Spracherwerbsphasen begreifen kann.

All das und viel mehr geht überall und sofort, und mit solchem Handlungswerkzeug ist ein Kita-Team schon gut gerüstet. Eine spezifische professionelle Handlungskompetenz pädagogischer Fachkräfte hinsichtlich alltagsintegrierter sprachlicher Bildung, erfordert aber zudem die Reflexion des eigenen (Sprach)Handelns, eine Bereitschaft zu kritischer Beobachtung sowie Weiterentwicklung der eigenen pädagogischen Arbeit.

Wie, wann und wo „sprachbildet“ ihr?

Zu einer solchen Reflexion und Weiterentwicklung wollen wir hiermit einladen und über die Prozesse in einen konstruktiven Dialog treten. Mit Sicherheit findet in jeder Kita Sprachbildung statt, mal mehr, mal weniger bewusst. Die Teams der am Bundesprogramm Sprach-Kitas teilnehmenden Kitas sind oft freudig überrascht, wenn sie sich vor Augen führen, was bei ihnen schon alles selbstverständlich und nebenher sprachbildend stattfindet – und sehen, welche Ansätze es darüber hinaus gibt.

https://sprach-kitas.fruehe-chancen.de

Wie ist das bei euch? Was passiert da alles im Alltag „mit Sprache“? Wann gelingt der Austausch mit den Kindern, über pragmatische Kommunikation und Frage-Antwort-Muster hinaus? Welche Interaktions- und Gesprächsstrategien wendet ihr an, um in einen echten Dialog zu kommen?

Vielleicht interessiert sich jemand von euch besonders für Sprachentwicklung, hat sich evtl. auch über die Inhalte der Ausbildung hinaus zu Sprache weitergebildet!? Was könnt ihr anderen Interessierten mitgeben? Wie können wir sprachliche Bildung alltagsintegriert und dennoch gezielt unterstützen und begleiten? Mit welchen Mitteln können wir Kinder systematisch beobachten und diese Beobachtungen als Arbeitsgrundlage nutzen? Welches theoretische Wissen verhilft euch dazu, Sprachbildungsprozesse im Alltag noch wirksamer zu fördern?

Erzählt uns davon! Teilt mit uns, was gut funktioniert – oder auch nicht. Fragt, was ihr gern noch wissen möchtet. Beobachtet, wann ihr sprachliche Interaktion als gelungen empfindet, und lasst uns an euren Erfahrungen teilhaben! Wir freuen uns auf den Austausch.

Zum Querlesen und Tieftauchen:

  • Alltagsintegrierte sprachliche Bildung
  • Bundesprogramm Sprach-Kitas
  • Alltagsintegrierte Sprachförderung in Kindergarten und Grundschule. Zusammen leben – zusammen lernen: Kinder mit Fluchthintergrund in Kita und Schule
  • Alltagsintegrierte sprachliche Bildung und kompensatorische Sprachförderung – zwei Seiten einer Medaille?
    Lisker, A. (2011). Additive Maßnahmen zur Sprachförderung im Kindergarten – Eine Bestandsaufnahme in den Bundesländern. Expertise im Auftrag des Deutschen Jugendinstituts. München: Deutsches Jugendinstitut e. V.
    Buschmann, A. , Jooss, B., (2011). Alltagsintegrierte Sprachförderung in der Kinderkrippe. Effektivität eines sprachbasierten Interaktionstrainings für pädagogisches Fachpersonal. Verhaltenstherapie & psychosoziale Praxis, 43, 303– 312.

Kommentare

# 19.05.18, Simone Sekyere:

Im Kinderclub Chamäleon machen wir immer wieder die Erfahrung, dass Kleingruppenangebote in unterschiedlichen Konstellationen die beste Vorraussetzung für eine aktive Beteiligung sind. Wenn das Angebot dann noch so gestaltet ist, dass die Kinder sich möglichst viel mit ihren Ideen einbringen können, müssen von außen keine Sprachanlässe mehr geschaffen werden, denn dann geht es wirklich um das, was die Kinder interessiert und beschäftigt. Die kleine Gruppe macht dann auch Unterhaltungen möglich, die sprachlich von uns begleitet werden können.
In diesem Jahr sind wir noch einen Schritt weiter gegangen und haben unsere Elementarkinder in Gruppen mit je 6 Kindern eingeteilt. Jede Gruppe durfte an 7 Tagen frei entscheiden, wie sie den Tag gestalten. Von Kuchen backen über Roboter bauen und U-Boot besichtigen war alles dabei und es war erstaunlich zu sehen, mit welcher Motivation auch Kinder, die Gespräche in Gruppen üblicherweise überfordern, sich mitteilen, wenn sie entscheiden dürfen, worum es geht. Ein weiterer Effekt war der Gruppenzusammenhalt und die Intensivierung der Beziehung zur Betreuungsperson.

# 07.06.18, Marlis Müller:

Ich freue mich immer riesig, wenn ich in die Gruppe komme und die Kinder zu mir kommen und fragen: “Hast Du wieder die Karten dabei?” oder “Machen wir wieder das Spiel mit der Katze?”
Wenn ich das höre, weiß ich, dass ihnen meine Angebote gefallen haben. Eine schönere Rückmeldung kann ich eigentlich nicht bekommen.

Nachdem ich bei jedem Sprach-Kita-Treffen begeistert die Idee der Geschichtensäckchen und Beutel-Geschichten verfolgt habe, wollte ich dies nun selber ausprobieren. Ich habe mich für unsere erste Beutel-Geschichte für “Die Königin der Farben” entschieden. Es gab viele neugierige Kinderaugen, als ich mich mit meinem Beutel in den Morgenkreis setzte. Alle haben ganz interessiert verfolgt, was ich vorgelesen habe und dazu alles aus dem Beutel heraus holte.
Somit kann ich nur sagen, dass diesem Geschichten-Beutel bestimmt noch viele weitere folgen werden!

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